THEODOR KRAMER

Theodor Kramer
(1897 – 1958)

Kindheit und Jugend

Theodor Kramer wurde am 1. Jänner 1897 in Niederhollabrunn/NÖ als Sohn der Babette Kramer, einer geborenen Doctor, und ihres Ehemannes, des jüdischen Gemeindearztes Max Kramer, geboren. Theodor wuchs gemeinsam mit seinem um ca. drei älteren Bruder Richard in Niederhollabrunn in einem zum Arzthaus umgebauten Meierhof auf, wo er auch nach frühem häuslichen Privatunterricht die Volksschule besuchte (zwischen 1905 und 1907). Seit Herbst 1907 war Theodor Kramer ein Jahr lang Schüler des Realgymnasiums in Stockerau, bevor er 1908 in die Realschule in der Vereinsgasse im zweiten Wiener Gemeindebezirk übertrat. Gemeinsam mit seinem Bruder lebte er in verschiedenen Untermietszimmern. 1913 traten die beiden Brüder der Freideutschen Jugend bei, in der sie im Wiener Arbeitskreis "Anfang" tätig waren und das Wandern in Gruppen pflegten, wie es aus der "Wandervogel"-Bewegung bekannt ist. Aus dieser Zeit stammen die ersten lyrischen Versuche Kramers. Die Matura legte er unmittelbar vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges ab, anschließend ist er bis zum Juli 1915 Hörer der sog. Exportakademie in Wien, bevor er im Oktober 1915 zum Kriegsdienst einberufen wird. Im Juni 1916 wurde er an der wolhynischen Front schwerstens verwundet und nach seiner Genesung und dem Einsatz bei Baubataillonen in den Karpaten wiederum an die Front geschickt, diesmal an die Südfront.

Die 1920er Jahre
Erste Gedichte
 
Zwischen dem Sommersemester 1918 und dem Wintersemester 1920/1921 hörte Kramer Vorlesungen aus Germanistik und Geschichte an der philosophischen Fakultät und inskribierte an der juridischen Fakultät in Wien, mußte aber aus finanziellen Gründen seine Studien abbrechen. Schon während der Studienzeit arbeitete Kramer als Werkstudent, zwischen 1919 und 1931 als statistischer Beamter, als Angestellter in verschiedenen Buchhandlungen, als Geschäftsführer und Verlagsvertreter. Die 20er Jahre waren auch die Zeit seiner ausgedehnten Wanderungen durch Niederösterreich und das Burgenland, Erfahrungen, die sich neben seinen Kriegserinnerungen in seiner frühen Lyrik spiegeln. Aus dem Jahre 1926 stammt Kramers erste Gedicht-Veröffentlichung unter dem Titel Anderes Licht in der Zeitschrift "Die Bühne".
Das Jahr 1927 bedeutete für Kramer selbst den Beginn einer selbständigen lyrischen Ausdrucksweise. Leo Perutz war einer jener Freunde, die ihm mit schriftstellerischem Rat an die Hand gingen und ihm die Wege zu den Verlagen und in die Öffentlichkeit ebnen halfen. Es war auch das Jahr, in dem sich Kramer zum ersten Mal an einem Lyrik-Wettbewerb, dem des S. Fischer-Verlages, beteiligte, dabei zwar noch keinen Preis gewann, aber als lyrische Hoffnung genannt wurde. 1928 wurde Kramers erster Gedichtband "Die Gaunerzinke" im Frankfurter Verlag Rütten & Loening gedruckt, der Gedichte der Jahre 1927 und 1928 enthielt, die z. T. vorher schon in verschiedenen Zeitungen, u. a. in der Wiener "Arbeiter-Zeitung" oder im "Simplizissimus" abgedruckt worden waren. Der Band wurde von der Literaturkritik großteils positiv aufgenommen (z. B. Ernst Lissauer, Richard von Schaukal, Georg van der Vring). Kramer wurde noch im selben Jahr der Preis der Stadt Wien für Lyrik verliehen, den mit ihm gemeinsam auch Heinrich Suso Waldeck erhielt. Die nazistische Kritik freilich meinte schon damals, ihn als "Hofpoeten der Demokratie" (Alfred Rosenberg) denunzieren zu können. Aus der christlich-sozialen Ecke glaubte man Kramer u. a. wegen seines angeblichen "jüdischen Jargons" verunglimpfen zu dürfen (Rudolf Sobotka).
Bis 1933 währte seitdem die Möglichkeit, von seinen Publikationen in diversen Zeitungen, Zeitschriften und Anthologien und von den Einnahmen aus diversen Rundfunksendungen zu leben. Kramers Gedichte wurden insbesondere in Wien, Berlin und Prag gedruckt. 1929 bekam er den Preis der Julius Reich-Stiftung. Freundschaften z. B. mit Paul Elbogen, Georg van der Vring und Rudolf Brunngraber entwickelten sich. Kramer bekam die Möglichkeit, in Wiener Arbeiterheimen und in den Volkshochschulen zu lesen. 1930 folgte der nur 14 Texte umfassende Gedichtband Kalendarium, herausgegeben in der Reihe der Flugblätter des Kartells Lyrischer Autoren und des Bundes Deutscher Lyriker in Berlin.
1931 nahm sich der Zsolnay-Verlag der Gedichte Kramers an: Es erschienen seine nach langem Schweigen erst zwischen 1928 und 1930 entstandenen Kriegsgedichte unter dem Titel "Wir lagen in Wolhynien im Morast ...", gewidmet seiner späteren Frau Inge Halberstam. Einigen sozialistischen Kritikern, so z. B. Josef Luitpold Stern, fehlte die belehrende Moral, die eindeutige Tendenz dieser Anti-Kriegsgedichte, während Kramer auf dem Berichtcharakter der entwürdigenden Umstände beharrte.
Aufgrund einer schweren Erkrankung, die Kramer monatelang im Krankenhaus einsperrte, war er gezwungen, ausschließlich von seinen Einkünften als Lyriker mehr schlecht als recht zu leben. Eine für den Schlesischen Rundfunk geschriebene Lebensskizze (1931) zog zum ersten Mal Bilanz. In seinem Text Der Lyriker kalkuliert als Antwort auf eine Rundfrage des "Berliner Tageblatts" berichtete Kramer über seine Arbeitsweise. Auf der Suche nach einem festen Einkommen versuchte er auch, 1930 als Mitarbeiter beim Ullstein-Verlag unterzukommen, was aber scheiterte.
 
Die Jahre 1933/34
 
Die Jahre 1933/1934 waren klarerweise Wendejahre auch für Theodor Kramer. Zwar fand er erst ab 1933 stärkeren Zugang zum Literaturbetrieb - im Jänner 1933 nahm er an der Gründungsversammlung der "Vereinigung sozialistischer Schriftsteller" in Wien teil und wurde in den Vorstand, ein Jahr später sogar zum Obmann-Stellvertreter gewählt (u. a. gehörten Josef Luitpold Stern, Fritz Brügel, Rudolf Brunngraber, Ernst Waldinger, Oskar Maria Graf oder Hermynia Zur Mühlen der Vereinigung an) -, gleichzeitig aber reduzierten sich zuerst im Deutschen Reich ab Jänner 1933 und nach dem Bürgerkrieg vom Februar 1934 auch in Österreich die Publikationsmöglichkeiten eklatant. Die Berliner "Literarische Welt" diskreditierte Kramer Ende April 1933 durch ihren Abdruck des Gedichtes Maifeuer insofern, als zugleich regimefreundliche Texte anderer AutorInnen abgedruckt wurden und Kramers unpolitischer Text dadurch politisch instrumentalisiert wurde. Kramer protestierte in der Wiener "Arbeiter-Zeitung" gegen diese Vorgangsweise und nahm den Vorfall zum Anlaß, keine Druckerlaubnisse für seine Arbeiten in Hitler-Deutschland zu erteilen, was schließlich 1939 insofern ohnehin überholt war, als alle Schriften Kramers auf der "Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums" der Reichsschrifttumskammer standen. Hart traf Kramer seit 1934 das Verbot der Vereinigungen der österreichischen Sozialdemokratie und der Arbeiterpresse durch das Dollfuß- und Schuschnigg-Regime. Es waren Freunde und Freundinnen, die Kramer finanziell über die Runden zu retten versuchten, so z. B. Otto Basil, Anna Blaukopf, Fritz Hochwälder, Leopold Liegler, Viktor Matejka, Johann Muschik, Erika Mitterer, Paula von Preradovic oder Otto Spranger. Jetzt blieben Lesungen in Privatwohnungen, so z. B. bei Viktor Matejka, und die Einhebung eines "Kramer-Schillings" durch Freunde übrig.
Ende 1935 starb Kramers Vater. 1936 erschien der bis dahin umfangreichste Gedichtband Kramers im Wiener Gsur-Verlag unter dem Titel "Mit der Ziehharmonika". In ihm sind Texte der Jahre zwischen 1927 und 1935 versammelt, die Kramer als Dichter der Not und Armut, der Dörfler und Subproletarier, als Dichter der Ränder und der existentiellen Ausgesetztheit einen festen Platz in der österreichischen Literaturgeschichte verschaffen.
"Fremd war Kramer das austromarxistische Leitbild vom ´Neuen Menschen´, der aus dem Industrieproletarier wachsen sollte, fremd war ihm jede sozialistische Asketik [...] und fremd war ihm jene zugleich grandiose und gefährlich abstrakte Orientierung auf eine bessere Zukunft hin, auf eine Welt jenseits der Entfremdungen. Kramer benötigte das Ideal vom Neuen Menschen nicht, um die Würde des Menschen zu entdecken und so seinen Anspruch auf Veränderung der entwürdigenden Verhältnisse zu legitimieren; ihm genügte dieser Mensch, um mit Wut und Zuneigung, Beharrlichkeit und Unversöhnlichkeit in abertausenden Gedichten von ihm zu sprechen." (Karl Markus Gauß: Theodor Kramer 1987 - 1958. Dichter im Exil. Arbeiterkulturverein Salzburg 1983, S. 5f)
 
1938
Die Exiljahre
 
Die Annexion Österreichs im Jahre 1938 bedeutete für Kramer Berufsverbot, Arbeitslosigkeit, Verlust der Wohnung und zunehmende Aussichtslosigkeit, was im August 1938 in einen psychischen Zusammenbruch mündete. Die Gedichte, die zwischen März und Juli 1938 angesichts der nazistischen Bedrohung entstanden, sind selbstvergewissernde lyrische Antworten auf die Katastrophe und werden erst 1946 unter dem Titel Wien 1938, ergänzt durch Gedichte aus dem britischen Exil in dem Sammelband des Globus-Verlages "Wien 1938/Die Grünen Kader" publiziert. Seit Herbst 1938 versuchte Kramer verzweifelt, aber lange erfolglos, mit Hilfe einiger FreundInnen in ein Asylland zu entkommen. England, die Schweiz, die USA und die Dominikanische Republik werden ins Auge gefaßt, bis endlich im Juli 1939 die Ausreise nach England, nicht zuletzt durch eine Intervention Thomas Manns, gelang, nachdem Kramers Ehefrau schon im Februar 1939 nach England hatte einreisen können. Kramer wird vom Internationalen P.E.N.-Club unterstützt, kann vorerst in London leben, wird dann aber zwischen Mai 1940 und Jänner 1941 als "feindlicher Ausländer" auf der Isle of Man interniert. Kramers Lebensumstände waren bedrängend: Er arbeitete als Diener in einem größeren Haushalt und war auf Almosen angewiesen, bis er an seinem 46. Geburtstag die Stelle eines Bibliothekars im County Technical College in Guildford (Surrey), weit ab von London, antreten konnte - "gleichsam ein Exil im Exil" (Erwin Chvojka). In die Exilzeit fällt die Teilnahme am Weltkongreß des P.E.N.-Clubs in London 1941 und an der vom P.E.N. veranstalteten Kulturkonferenz im Austrian Center/London 1943, die Bekanntschaft z. B. mit Erich Fried, Eleanor Farjeon und Hilde Spiel, Kramers Lesungen in Sendungen der BBC für Österreich und Publikationen von Texten Kramers in diversen deutschsprachigen Exilzeitschriften (z. B. Austro-American Tribune, Der Aufbau, Aufruf). Im Jänner 1943 starb Kramers Mutter im Konzentrationslager Theresienstadt, was Theodor Kramer aber erst nach Kriegsende erfuhr. In das Jahr 1943 fällt auch die Trennung Kramers von seiner Ehefrau. Unter dem Titel "Verbannt aus Österreich. Neue Gedichte" erschien 1943 ein neuer Gedichtband, der Kramer-Gedichte der Jahre 1938 bis 1942 aus Wien und dem Exilland England enthielt und vom Austrian P.E.N. in London herausgegeben wurde, nachgedruckt im Jahre 1983 durch den Böhlau-Verlag. In überarbeiteter Form wurden einige Gedichte in den späteren Band Wien 1938 übernommen.
 
Späte Rückkehr
 
Trotz mehrerer Möglichkeiten, unmittelbar nach dem Krieg nach Österreich zurückzukehren, kann sich Kramer dennoch nicht entschließen, schnell heimzukehren. Im Wiener Globus-Verlag erscheinen im Jahr 1946 die beiden Gedichtbände "Wien 1938/Die Grünen Kader" und "Die untere Schenke", und verschiedene österreichische Zeitungen und Zeitschriften machen auf den weitgehend unbekannten Lyriker aufmerksam. Gegen Ende des Krieges und unmittelbar danach stellte Kramer einen weiteren Sammelband zusammen, der unter dem Titel Lob der Verzweiflung erst nach dem Tode des Autors zu dessen 75. Geburtstag von Erwin Chvojka herausgegeben werden konnte und Gedichte aus den Jahren zwischen 1941 und 1946 enthält.
Die Gedichte aus Die untere Schenke entstanden in den Jahren zwischen 1943 und 1945. Im Jahre 1947 wurde Kramer der Preis der Österreichischen Liga für die Vereinten Nationen verliehen. Die zunehmende Isolierung Kramers in England, aber auch die Verschlechterung des Gesundheitszustandes, die sich in den 50er Jahren in mehrfachen Sanatoriumsaufenthalten niederschlug, sind der Erfahrungs-Hintergrund für die unablässig andauernde Gedicht-Produktion. Eine umfangreiche Briefkorrespondenz u. a. mit Hilde Spiel, Harry Zohn, Michael Guttenbrunner und Erwin Chvojka stammt aus dieser Zeit. Kramers Kräfte, seine lyrische Produktion zu sichten und in neuen Sammlungen zusammenzufassen, schwanden zusehends. 1951 erwarb Kramer die britische Staatsangehörigkeit. Kramers Freund Michael Guttenbrunner gab 1956 unter dem Titel Vom schwarzen Wei" eine Auswahl von Kramer-Texten heraus, die im Salzburger Otto Müller Verlag erschien.
Erst Mitte der 1950er Jahre gelingt es einigen Freunden Kramers in Zusammenarbeit mit österreichischen Stellen, den Ministerien für Äußeres und für Unterricht sowie mit dem österreichischen Bundespräsidenten, der für Kramer an dessen 61. Geburtstag eine Ehrenpension stiftet, den Lyriker im Herbst 1957 nach Wien zurückzuholen. Der finanziellen Unterstützung und Würdigung des kranken Kramer dienten auch die Verleihungen des Förderungspreise der Theodor-Körner-Stiftung in den Jahren 1956 und 1957. Die Ehrenpension des Bundespräsidenten kann Kramer jedoch nur drei Monate lang in Anspruch nehmen. "Erst in der Heimat bin ich ewig fremd." (Theodor Kramer: Wiedersehen mit der Heimat, 28.11.1957. In: ders.: Gesammelte Gedichte. Band 3, S. 590). Er stirbt am 3. April 1958. Posthum wird ihm der Literaturpreis der Stadt Wien des Jahres 1958 verliehen. Theodor Kramer findet seine letzte Ruhestätte in einem "Grab in bevorzugter Lage" der Gemeinde Wien auf dem Wiener Zentralfriedhof (seit den 1990er Jahren Ehrengrab der Stadt Wien).

Kramer hatte Erwin Chvojka als Nachlaßverwalter eingesetzt, der sich seitdem mit mehreren Ausgaben von Werken Kramers und mit der Herausgabe der Gesammelten Gedichte in drei Bänden um das Werk Theodor Kramers verdienstvoll angenommen hat. Theodor Kramer hat zwischen 1925 und 1958 ca. 12.000 Gedichte geschrieben. Ungefähr 2.000 von ihnen sind derzeit in verschiedenen Ausgaben nachzulesen.

Im Verlag der Theodor Kramer Gesellschaft erschien zuletzt:
Theodor Kramer: Solange der Atem uns trägt. Gedichte. Wien: Theodor Kramer Gesellschaft 2004. 104 S. ISBN-10 3-901602-19-4. ISBN-13 978-3-901602-19-1. Euro 12,90/ SFr 20,40.